RechercheReportagen

Helsana Report (2): Das Märchen von der Gesundheitskompetenz

Warum der angebliche Mangel an Gesundheitskompetenz an der Lebensrealität von Armutsbetroffenen vorbeigeht.

30.09.2026 19:00•Strada Redaktion
Stockfoto Arztprxis

Teil 2 unserer Recherche darüber, wie Armutsbetroffene dazu gebracht werden sollen, auf Behandlungen zu verzichten, um die Kosten für Staat und Kassen zu drücken.

Auch die NZZ berichtete im Juni über den Helsana-Report und seine Befunde. Der Autor betont, dass Armut ein erhebliches Gesundheitsrisiko ist, was sich beispielhaft anhand der Anteile chronisch erkrankter oder von Depressionen betroffener Menschen in den verschiedenen Einkommensstufen erkennen lässt. Dass ärmere Menschen mehr Gesundheitskosten verursachen, liege aber nicht nur an ihrem durchschnittlich schlechteren Gesundheitszustand, sondern an «schwer erklärbaren» Unterschieden bezüglich ihres Konsums gesundheitlicher Leistungen.

Auch hier wird auf die scheinbar tiefere Gesundheitskompetenz von Personen mit geringerem Einkommen verwiesen. Der Artikel betont vor allem, dass im Schweizer Gesundheitssystem viel von oben nach unten verteilt werde. Ärmere Menschen, welche öfter die Mindestfranchise haben – deren Prämien sie aufgrund von Prämienverbilligungen allerdings oft zu erheblichen Teilen nicht selbst bezahlen würden – machen laut dem Autor am Ende sogar ein Plus. Hingegen würden wohlhabendere Personen die Kosten der weniger Begüterten tragen, allen voran die reichsten 3%, welche im Jahr über 10'000 Franken Minus mit Gesundheitsleistungen machen.

Wenn man die Vernehmlassung des Bundesrates, den Helsana-Report und die Berichterstattung der NZZ liest, kann man den Eindruck erhalten, ärmere Menschen bereicherten sich im Gesundheitswesen auf Kosten anderer. Dieses Verhalten sei zwar schwer erklärbar, wird aber immer wieder mit einem vermeintlichen Mangel an Gesundheitskompetenz armutsbetroffener Menschen in Verbindung gebracht. Dies erscheint fragwürdig, wenn Armut und das damit verbundene Gesundheitsrisiko doch vielversprechende Erklärungen anbieten.

Laut dem neusten Obsan-Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums verzichten ärmere Menschen weitaus häufiger aus Kostengründen auf Gesundheitsleistungen als wohlhabendere Menschen. 2023 haben 18,8% der Schweizer Bevölkerung mit einem medizinischen Problem aus Kostengründen auf eine Behandlung verzichtet. In der Gruppe der Menschen mit niedrigem Einkommen war ihr Anteil mit 30,3% beinahe doppelt so hoch wie in der Gruppe der Menschen mit hohem Einkommen bei 18,3%. Das legt nahe, dass auch unter jenen Erkrankten mit der Mindestfranchise mehr arme Personen auf Gesundheitsleistungen verzichten. 

Die Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich kommt in einem Bericht von 2022 zum Schluss, dass «der Anteil der direkt bezahlten Gesundheitskosten am Einkommen» in der Schweiz mit sinkendem Einkommen steigt. In anderen Ländern ist es normalerweise umgekehrt. Das bedeutet, dass sich unter den weniger wohlhabenden Menschen, welche laut Bundesrat, Helsana und der NZZ das Gesundheitssystem übermässig belasten, die meisten jener Menschen befinden, welche das Gesundheitssystem kaum oder gar nicht belasten, da sie für die meisten ihrer Behandlungen selbst zahlen. Darunter sind vermutlich viele, welche die höchste Franchise gewählt haben, um von tieferen Prämien zu profitieren.

Ein weiterer Aspekt des Helsana-Reports, der untergeht, ist, dass die Studie nur Personen bis 65 Jahre berücksichtigt. Das Problem dabei ist, dass ärmere Menschen im Schnitt weniger alt werden als wohlhabende. Diese wohlhabenden alten Menschen beanspruchen viele Gesundheitsleistungen und verursachen dementsprechend mehr Kosten als ärmere Menschen, welche gar nicht so alt werden.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der Bund und die Krankenkassen beim Gesundheitssystem sparen wollen. Dafür bezahlen sollen vor allem ärmere Menschen, was damit gerechtfertigt wird, dass sie mit ihrer vermeintlich fehlenden Gesundheitskompetenz und Sparsamkeit auf Kosten anderer Gesundheitsleistungen verprassen. Das erscheint schon zynisch, wenn man bedenkt, dass Armut tatsächlich krank macht und Gesundheit somit, wie Wohlstand, immer ungleicher verteilt ist. 

Armutsbetroffene Menschen zahlen jetzt schon grosse Anteile ihrer Behandlungen direkt vom eigenen Ersparten. Wird die Mindestfranchise erhöht, ist zu erwarten, dass sie dies noch öfter tun werden. Wenn die Krankenkasse erst später zu bezahlen beginnt, wählen vielleicht noch mehr armutsbetroffene Menschen die höchste Franchise, um Prämienkosten zu sparen. Natürlich befinden sie sich dann in einer verschärften finanziellen Situation, in der sie noch sparsamer sein müssen, für den Fall, dass unerwartete Gesundheitskosten anfallen. Folglich würden diese Menschen noch seltener eine Ärzt*in aufsuchen, was das Risiko einer chronischen Erkrankung erhöht. Die hohen Kosten, welche die Behandlung chronischer Erkrankungen verursacht, müsste letztlich wieder die Allgemeinheit tragen - womit die Ausgaben des Bundes keineswegs sinken würden. 

Mit dem Mittel einer höheren Mindestfranchise treffen die Sparmassnahmen von Bund und Kassen primär die Gesundheitsversorgung von Menschen mit wenig Geld. Nicht nur wird so eine der medizinisch vulnerabelsten Gruppen noch mehr in Bedrängnis gebracht, sondern es ist auch nicht sicher, ob diese Massnahme die Allgemeinheit langfristig nicht sogar noch teurer zu stehen kommt.


Bild: Nappy / Unsplash