Helsana Report (1): «Bleibt doch einfach gesund»
Mit der Erhöhung der Mindestfranchise wälzen Bund und Kassen die Gesundheitskosten nach unten ab.

In der Schweiz wählen vor allem Versicherte mit geringem Einkommen die Mindestfranchise bei ihrer Krankenkasse. Obwohl die Prämien der Mindestfranchise hoch sind, ist sie für die finanziell schwächsten Versicherten die sicherste Option. Denn die hohen Prämien sind eine vorhersehbare Ausgabe, welche mit einer Prämienverbilligung sogar noch markant gesenkt werden kann. Wenn man dann auch noch gesund bleibt, zahlt man einigermassen wenig für die Gesundheitsvorsorge.
Ärmere Menschen können es sich oft nicht leisten, bei einem unvorhergesehenen medizinischen Notfall plötzlich mehrere hundert oder tausend Franken aufzubringen, weshalb die höchste Franchise mit niedrigen Prämien eine zu riskante Wette ist. Dies wissen auch der Bund und die Krankenkassen, weshalb sie einen Weg gefunden haben, die stetig steigenden Kosten im Gesundheitswesen zu decken: Sie wollen die Mindestfranchise erhöhen und somit vor allem ärmere Menschen zur Kasse bitten.
Gerechtfertigt wird dieser Vorschlag unter anderem mit einem aktuellen Report der Helsana, der gemessen an ihren rund 1,5 Millionen Versicherten zweitgrössten Schweizer Krankenkasse. Weniger wohlhabende Menschen mit der Mindestfranchise würden aufgrund fehlender Sparsamkeit und Eigenverantwortung übermässig Gesundheitsleistungen konsumieren. In der Argumentation des Bundes und der Helsana wird aber einiges ausgelassen. Weshalb es wichtig ist, dass der Report nur Personen bis 65 berücksichtigt und warum Armut nicht unbedingt weniger Eigenverantwortung und Kompetenz in Gesundheitsfragen bedeutet, lest ihr in dieser Recherche.
Im März 2026 schickte der Bundesrat eine Erhöhung der Mindestfranchise in die Vernehmlassung. Mit einer ersten Erhöhung der Mindestfranchise von 300 auf 400 Franken wollen Bundesrat, Parlament und die Krankenkassen den Anstieg der Gesundheitskosten eindämmen und die «Eigenverantwortung der Versicherten stärken», so das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Handlungsbedarf sehen die Regierung und das Parlament deshalb, weil einige angeblich unverhältnismässig viele Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen und das Gesundheitssystem dadurch übermässig belasten. Durch die Erhöhung der Mindestfranchise und einen Anpassungsmechanismus sollen Versicherte dazu angeregt werden, «bei der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen zurückhaltender zu sein».
Warum die Senkung der Gesundheitskosten durch eine Erhöhung der Mindestfranchise erfolgen soll, wird unter anderem in einem von der Universität Basel im Auftrag der Helsana erstellten Report vom Juni 2026 gerechtfertigt. Der Report kommt zum Schluss, dass ärmere Menschen häufiger zum Arzt gehen und mehr Kosten für das Gesundheitssystem verursachen als andere. Diese Umstände sind auf mehrere Gründe zurückzuführen. So stellt der Report fest, dass ärmere Menschen öfter krank sind als wohlhabendere. Zusätzlich würden aber auch ärmere Menschen, welche keine gravierenden gesundheitlichen Probleme haben, mehr Gesundheitsleistungen beziehen als wohlhabendere Menschen in vergleichbarer gesundheitlicher Verfassung. Da viele dieser Menschen die Mindestfranchise wählen, werden diese Gesundheitskosten früher von den Krankenkassen getragen, woraus die Helsana schliesst, dass die «finanziellen Anreize» der Mindestfranchise nicht mehr greifen. Denn anscheinend sind viele Menschen bereit, die hohen Prämien der Mindestfranchise zu bezahlen, um dafür mehr Gesundheitsleistungen auf Kosten der Krankenkassen in Anspruch zu nehmen. Deswegen spricht sich auch die Helsana für eine Erhöhung der Mindestfranchise aus. Müssen armutsbetroffene Menschen nämlich einen grösseren Anteil ihrer anfallenden Gesundheitskosten selbst zahlen, werden sie wohl öfter darauf verzichten, Leistungen in Anspruch zu nehmen. Laut der Helsana könnte diese Massnahme auch dazu führen, dass weniger wohlhabende Menschen bereits existierende und oft kostenlose Vorsorgeangebote öfter in Anspruch nehmen, was die Gesundheitskosten weiter senken würde. Momentan nehmen nämlich vor allem wohlhabendere Menschen solche Vorsorgeangebote wahr, weshalb die Helsana Handlungsbedarf zur Steigerung der «Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung» sieht.
Mehr zum Thema: Im zweiten Teil unserer Recherche beleuchten wir, warum die Kritik an der mangelnden «Gesundheitskompetenz» an der Realität vorbeigeht und wie Behandlungsverzicht das Gesundheitssystem langfristig erst recht belastet.
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